7 Dinge, die FREESTYLE lehrt
- Matthias Mayer
- vor 5 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Hier sind 7 Dinge, die die Welt von der Freestyle-Kultur lernen kann:
1. Innere Orientierung
Nahezu unbegrenzte Freiheit und das Fehlen von Vorgaben und Regeln in Freestyle-Disziplinen lenken den Fokus des Einzelnen ganz natürlich von äußeren Faktoren weg und bringen ihn in Kontakt mit seinem Innenleben. Freestyle-Training lehrt einen also wirklich, seine wahren Interessen zu spüren.
Bei jeder Trainingseinheit orientiert sich der Einzelne bewusst oder unbewusst ständig nach innen, um zu spüren, was ihn tatsächlich anzieht, und dieser inneren Neigung in eine bestimmte Richtung zu folgen.
Ich glaube, in einer Gesellschaft, die den Fokus nahezu vollständig auf das Denken und “im Kopf” zu sein legt, wäre es von unschätzbarem Wert, wenn die Leute mehr mit ihrem intuitiven Gefühl in Berührung kommen.
Wenn wir diese grundlegende Fähigkeit als Gesellschaft nicht fördern, landen Menschen an den falschen Orten, wo sie vielleicht nicht sein sollten und auch nicht viel beitragen können, da ihre tatsächlichen Interessen und Talente wo anders liegen.
2. Kreative Aktivität vs Konsum
Inspiration, so gering sie auch sein mag, führt ganz natürlich zu kreativem Handeln. Inspiration und Handeln sind also gewissermaßen aus einem Guss. Wenn wir dies vereinfacht mit Richtungspfeilen veranschaulichen wollen, könnten wir sagen, dass kreatives Handeln von innen nach außen fließt, während Konsumverhalten in die entgegengesetzte Richtung verläuft: Es geht immer von außen nach innen. Es geht in die völlig entgegengesetzte Richtung. Ohne Freestyle-Leute zu Heiligen zu erklären, würde ich behaupten, dass im Durchschnitt alle Menschen, die sich mit inspirationsbasierten Aktivitäten beschäftigen – sei es Sport oder etwas anderes – weniger mit Konsum beschäftigt sind. Wir sind definitiv aus dem Gleichgewicht geraten und haben viel zu viel vom einen und viel zu wenig vom anderen.
Da wir wissen, dass übermäßiger Konsum eines der größten Probleme unserer Zeit ist. kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, dass das Erlernen kreativer Tätigkeiten ein wesentlicher Bestandteil der zukünftigen Bildung sein sollte.
3. Zufriedenheit
Jeder in der Freestyle-Szene weiß, wie zutiefst befriedigend es ist, das zu tun, was wir tun.
Und selbst wenn es wie Arbeit aussieht, tun wir es freiwillig und ziehen daraus große Freude und Zufriedenheit.
Konsumverhalten ist das genaue Gegenteil. Es ist oft das “Nicht wissen was man mit seiner Zeit anfangen soll”. Es beginnt also mit einer gewissen inneren Leere, die man dann versucht zu füllen. Meist endet dieses Unterfangen dann wieder in Leere. Das ist das Phänomen des „Doom-scrolling“ in wenigen Worten beschrieben. Dieses Doom-scrolling betrifft aber nicht nur den Konsum von Medien, sondern allerlei Verhaltensweisen.
Wenn man also die Freude und Zufriedenheit entdeckt, die kreative Aktivität mit sich bringt, trägt das zu der generellen Ausgeglichenheit eines Menschen bei. Diese Freude an kreativem Tun ist etwas, das Freestyle vermitteln kann.
4. Perspektivische Flexibilität
Beim Freestyle ist man ständig gezwungen, dieselben Dinge, wie beispielsweise einen Spot (eine Trainingsumgebung) auf immer neue Weise zu betrachten. Jeder, der sich mit Parkour und anderen Freestyle-Disziplinen beschäftigt, weiß, dass die Möglichkeiten, die ein Spot bietet, schier unendlich sind. Dieses ständige Umdenken schafft etwas, das ich als perspektivische Flexibilität bezeichnen würde. Natürlich sind diese Fähigkeiten besonders außerhalb des Sports besonders wichtig. Und ich glaube wenn man die Freestyle Art Dinge zu tun auf sein Leben übersetzen würde, und es ein bisschen wie einen Spot behandeln würde, könnten auch Freestyle Sportler über die Grenzen ihrer Disziplin hinaus von dieser Fähigkeit profitieren.
Ich denke, dass in einer Welt, die mit unlösbaren Problemen konfrontiert ist, Kreativität und eben jene perspektivische Flexibilität in allen Bereichen der Gesellschaft unverzichtbar werden und es daher eine Aufgabe der Bildungssysteme sein sollte, sich mit diesen Fähigkeiten mehr auseinanderzusetzen.
5. Selbstlernen
Freestyle-Disziplinen haben weder einen zentralen Lehrplan noch eine zentrale Lehrinstanz, und dennoch blühen sie auf und breiten sich in alle Richtungen aus – sowohl was den Skala als auch die Vielfalt betrifft. Wie ist das möglich?
Es liegt einfach daran, dass Freestyle den Menschen beibringt, sich selbst etwas beizubringen. Daher bestehen alle Freestyle-Szenen aus Autodidakten, die gelernt haben, wie man lernt. Selbstlernen lernen. Wenn das keine wichtige Fähigkeit ist, dann weiß ich auch nicht, was sonst.
6. Individualität
Irgendwie hat jedes Individuum das Bedürfnis, individuell zu sein. Es gibt jedoch unterschiedliche Vorstellungen davon, was Individualität bedeutet. Eine weit verbreitete Vorstellung von Individualität (auch wenn sie nicht ausdrücklich formuliert wird) klingt in etwa so: Wir alle sind gleich, aber einer ist mehr davon. Dadurch sticht er hervor und hebt sich als Individuum von der formlosen Masse ab.
Das ist die konzeptionelle Grundlage des Wettbewerbs. Und das lässt sich im traditionellen Sport perfekt veranschaulichen: Es geht um den einen an der Spitze. Der Rest spielt eine untergeordnete Rolle.
In Freestyle Szenen ist das etwas anders: Obwohl natürlich auch in Freestyle-Disziplinen Wettbewerb eine Rolle spielt, gibt es dort dieses latentes grundlegendes Verständnis von Individualität als etwas Unvergleichbares. Es geht nicht so sehr um das “mehr als der andere”, sondern eher “dasselbe wie die anderen, nur auf eine andere Art und Weise.”
In Freestyle-Sportarten wird diese Art von Individualität sehr geschätzt und gefördert.
7. Selbstwirksamkeit
Die meisten Freestyle-Sportarten haben diesen einzigartigen Aspekt, dass man seine Fähigkeiten in einer Umgebung auf die Probe stellt,, die Fehler nicht verzeiht. Von außen betrachtet sieht das nach sehr riskanten Mutproben aus … und bei ein paar wenigen Individuen ist es das vielleicht auch … aber generell steckt ein sehr positiver Prozess dahinter: Man lernt seine Fähigkeiten genau einzuschätzen – was man kann, was man gelernt und trainiert hat – und testet diese immer wieder entgegen der Angst. Dadurch lernt man sich selbst und seinem Urteilsvermögen und Fähigkeiten, zu vertrauen. Ein Skill fürs Leben würde ich sagen. In der Psychologie nennt man das Selbstwirksamkeit.

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